"Im Hinblick auf die Lebenssituationen von Kindern heute, welche häufig durch Unruhe, Hektik und ein Übermaß an verschiedenen Reizeinflüssen geprägt wird, ist die Tatsache zu berücksichtigen, dass Kinder nicht mehr selbstverständlich mit Ruhe vertraut sind. Die Technisierung der Welt führte zu einem großen Ausmaß an Stress- und Lärmbelastetheit. Auch die visuellen Einflüsse über Video und Fernsehen, häufig mit extrem schnellen Bildschnitten versehen, stellen höchste Anforderungen an die menschliche Informationsverarbeitung. Kinder und Jugendliche können diese Flut an auditiven und visuellen Angeboten kaum mehr verarbeiten. Der Tagesablauf vieler Kinder ist durch mangelnde Zeit der Eltern einerseits, aber auch durch minutiös verplante Freizeit der Kinder andererseits geprägt.
Häufig finden wir in der heutigen Zeit zwei Extreme vor: Zum einen Kindern, die sich ganz und gar selbst überlassen sind und unter anderem deshalb externe Simulationen, die ihnen verfügbar sind, aufsuchen, wie Fernsehen oder Computer- und Videospiele; zum anderen haben wir eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Kindern in unserer Gesellschaft, bei denen jede Minute des Tages sieben Tage die Woche verplant ist; sie sollen mit diesem Angebot ideal gefördert und auf die hohen Anforderungen unseres Alltags vorbereitet werden. Diese Kinder finden kaum im Tages und Wochenablauf die Ruhe und Muße zu spielen und sich selbstgenügsam zu beschäftigen."
(Ulrike Petermann, Entspannungstechniken für Kinder und Jugendliche)
Langsam, leise und achtsam wie eine Schildkröte
Der klinischen Psychologin Ulrike Petermann verdanke ich eine schöne neue Achtsamkeits-Übung für Kinder, die ich mit großem Erfolg bei meinen eigenen Jungs eingeführt habe: Die Schildkröten-Geschichte.
(Am Rande: Ihr Buch ist ein wissenschaftliches, wer praktische Tipps sucht und nicht eine allgemeine theoretische Anleitung zu den physiologischen Grundlagen der Entspannung, könnte enttäuscht werden. Aber ich freue mich darüber, dass ich auf wenigen Seiten Wertvolles gefunden habe und übersehe die abgehobene Sprache, in der sich die herzenswarme Menschenfreundin äußert.)
Phase 1: Lernen, wie eine Schildkröte zu gehen
In der ersten Phase verteilen sich die Kinder im Raum, auf der Wiese. Zusammen überlegen wir, was eine Schildkröte ausmacht: Ein dicker Panzer, in den sie sich zurückziehen kann. Sie wird sehr alt. Sie bewegt sich extrem langsam und leise. Ein Bild von einer Schildkröte hilft vielleicht, diese vor Augen zu haben.
Dann werden die Kinder aufgefordert, sich selbst wie eine Schildkröte zu bewegen. Dabei sollte erst einmal ein Kind das vormachen und ein Modell vorstellen, wie langsam und leise und vorsichtig eine Schildkröte vorangeht. Schließlich bewegen sich alle Kinder wie Schildkröten. Sie werden gestützt durch laufende Kommentare: "Ich gehe so langsam wie eine Schildkröte", "Ich bin so leise wie eine Schildkröte", "ich bin so aufmerksam wie eine langsame, leise, wachsame Schildkröte". Es hilft sehr, die Texte immer wieder zu wiederholen, da die Achtsamkeit sonst leicht abreißt.
Phase 2: Sich in den Panzer zurückziehen
In der nächsten Phase reflektieren die Kinder, was eine Schildkröte macht, wenn sie jemanden berührt oder irgenwo anstößt. Sie zieht sich in ihren Panzer zurück und ist dort sicher. Wieder kann dies ein Kind vormachen. Meine Erfahrung zeigt, dass Kinder Spaß daran haben, sich ruckartig zurückzuziehen und daraus dann ein Bewegungsspiel machen. Deswegen leite ich sie an, dies sehr langsam zu tun. "Wenn ich irgendwo anstoße, ziehe ich mich wie eine Schildkröte langsam und leise in meinen Panzer zurück", "Wenn mich jemand anstupst, krieche ich in meinen Panzer zurück".
Petermann weist daraufhin, dass die körperliche Sammlung, das Anspannen der Muskeln beim Zurückziehen, wichtiger Teil der Entspannungstechnik ist. Deswegen achte ich darauf, dass die Kinder sich wirklich klein machen, zusammenziehen und eine Muskeltspannung erkennbar ist.
Zuvor wurde vereinbart, dass die Kinder diese Spannung halten, bis sie ein Zeichen bekommen. Es hat sich bewährt, sie nach etwa 30 bis 60 Sekunden (!) sanft von oben nach unten entlang des Rückgrats zu streicheln. Dann lockern sie die Muskulatur wieder. Ein Impuls hilft ihnen, die alte Langsamkeit und Achtsamkeit zu bewahren "Die Schildkröte kommt langsam aus dem Panzer. Sie bewegt sich leise und wachsam weiter".
Phase 3: Hast Du Nöte, mach es wie die Schildkröte
Die Kinder hören nun eine Geschichte von der kleinen Schildkröte, die den Kindergarten oder die Schule oder den Sportverein besucht. Dort hat sie öfters Streit, weil ihr eine andere Schildkröte sie immer anstieß, ihr Sachen wegnahm oder sich mit ihr prügelte. Dann wurde unsere kleine Schildkröte geschimpft von der Kindergärtnerin, Lehrerin oder dem Trainer, weil sich in den Streit verwickeln ließ. Sie wollte am liebsten schon gar nicht mehr aus dem Haus gehen. Eines Nachmittags besuchte sie die Schildkröten-Opama - niemand konnte sich mehr daran erinnern, ob es eine Oma oder ein Opa ist - und erzählte ihr von ihren Sorgen. Opmama antwortete "Weißt Du eigentlich, dass du die Lösung deines Problems mit Dir herumträgst?"
An dieser Stelle erarbeite ich immer mit den Kindern die Lösung. Statt zu schlägern, sich in den Panzer zurückzuziehen. Am Ende erzählt Opama noch einmal, was er macht und fasst das Erarbeitete zusammen. "Genauso hat es auch Opama erzählt: Immer wenn ich mich ärgere oder Angst habe, ziehe ich mich in meinen Panzer zurück und warte, bis mein Ärger oder mein Angstgefühl verschwunden ist. Danach komme ich wieder langsam und leise aus meinem Panzer heraus. Und dann muss ich gar nicht mehr brüllen, sondern sage ruhig, was mich ärgert und was ich möchte."
Danach spielen die Kinder wieder das Schildkrötenspiel. Wieder bewegen sie sich selbst. Sie sollen sich vorstellen, was sie ärgert und sich dann in den Panzer zurückziehen. Sie entscheiden aber selbst, wann sie merken, dass sich ihre Ärger, ihre Angst gelegt hat. Ich lobe sie für die bedächtige Vorgehensweise.
Sehr schön ist es auch, wenn ein Kind das vormacht und die anderen zusehen. Ich ermuntere dann die Kinder, die einzelne Schildkröte zu loben, wie langsam und achtsam sie vorgegangen ist. Das lenkt nicht nur die Aufmerksamkeit voll auf das eine Kind, es aktiviert auch sehr viel positive Energie in allen teilnehmenden Kindern.
Phase 4: Schildkröten-Alltag
Wenn es im Alltag meiner Jungs zu Ärger kommt, dann erinnern wir uns gerne an die Schildkröten-Geschichte. Ulrike Petermann gibt einen Hilfsspruch mit auf den Weg, den alle auswendig können: "Hast Du Nöte, denk an die Schildkröte".
Gerade bei dem Fünfjährigen bin ich verblüfft über den Effekt. Er hält inne, und zieht sich zurück. Dabei spreche ich mit ihm. Allerdings legt er dann Wert darauf, dass ich bestimme, wann er wieder aus dem Panzer schlüpfen kann, indem ich über den Rücken streichle. Das ist nicht ganz so achtsam, aber hilft uns beiden.
Ich danke Euch sehr