"Hat man tiefes Einfühlungsvermögen und Mitgefühl für andere entwickelt,
kann man sich auf dieser Grundlage dem tong len widmen,
was auf tibetisch "Geben und Nehmen" heißt.
Bei der Tonglen-Praxis stellt man sich vor,
dass man alles - auch potentielles - Leid anderer auf sich nimmt
und diesen alles positive Potential gibt.
Die Praxis des Nehmens stärkt in erster Linie das Mitgefühl,
während die Praxis des Gebens die liebende Güte und Zuwendung mehrt."

(Dalai Lama, Der buddhistische Weg zum Glück, das Herz-Sutra)

Fasziniert bin ich schon seit langem von einer Fähigkeit der asiatischen Sprachen. Sie schaffen es mühelos, Gegensatzpare zu einem Wort zusammen zu ziehen. Leben und Tod  ist hier ein berühmtes Beispiel.

Bei der Beschäftigung mit der Atem-Praxis bin ich nun auf eine umwerfende, fundamentale, schwierige einfache Übung gestoßen - Tonglen. Einmal mehr fasziniert mich die Radikalität, mit der gerade tibetische Buddhisten das Konzept des Mitfühlens mit allen Wesens visualisieren und einüben lassen. Das muss man sich wörtlich einmal vorstellen: Beim Einatmen nimmt man auf, was den anderen beschäftigt, man löst ihn von seinem Leid und entwickelt so Mitgefühl, leidet mit, hat "Mitleid". Das deutsche Wort bringt dies exakt zum Ausdruck, aber mir ist keine andere Übung bekannt, die dieses Mitleiden so tief in uns trägt. Beim Ausatmen gibt man das Gute her, verströmt Liebe. Dazwischen steht man selbst als Transformator, wie ein Baum, der das Kohlendioxid des Leids in Sauerstoff verwandelt. Das ist wirklich der Kernanspruch in seiner klarsten Form.

Bei der Recherche bin ich auf ein kluges Interview mit Yesche U. Regel in Buddhismus Aktuell (BA) gestoßen. Yesche ist unter anderem Mitglied des Intersein-Ordens von Thich Nhat Hanhs. Sein Interview liest sich wie ein Lexikon-Artikel zum Thema. Ich gebe es gekürzt in großer Verbeugung vor den Autoren wieder

Lexikon Tonglen

BA: Beim Tong-Len sollen Leiden eingeatmet und Mitgefühl, Liebende Güte und Glück ausgeatmet werden. Ist es nicht gefährlich sich vorzustellen Leiden einzuatmen?
Yesche: Zunächst einmal muss man sich ganz klar machen, dass es um die Entwicklung von Herzenswärme und Mitgefühl geht und nicht darum, den Eindruck des Leidens zu verstärken. Das Leiden ist vermutlich bereits schon da, und es ist jemand da, der versucht damit besser umzugehen. Entweder geht es um eigene Beschwerden oder um die Konfrontation mit schwierigen Zuständen, die wir um uns herum und bei anderen wahrnehmen. Dann ist Tong-Len eine Meditation, bei der wir nicht nur versuchen den Geist zu beruhigen, sondern ein Thema, das sich aufdrängt, in die Praxis einzubeziehen, eben um daran unser Herz zu schulen. Die Herzensschulung steht also im Vordergrund, und das Herz, im Sinne eines tieferen Gefühls von Wohlwollen und Freundlichkeit, muss schon aktiviert sein, wenn wir mit der Tong-Len-Übung beginnen. (...)

BA: Irgendwie ist Tong-Len doch eine paradoxe Methode. Warum atmet man dabei nicht etwas Angenehmes, Nährendes ein und etwas Unangenehmes, Unreines aus?
Yesche: Das wäre eine Reinigungs-Meditation. Bei Tong-Len geht es tatsächlich darum, das Schwierige anzuschauen und sich dafür durchlässig zu machen. Das nennt man hier „Nehmen“ und atmet es ein. Daraufhin wird das Herz geschmeidig und warm. Von hier aus wird dann ausgeatmet und somit wird etwas von Herzen „gegeben.“ Es geht darum, die Achtsamkeit auf das zu richten, was da ist, und die Energie unserer Meditation auf die Angelegenheiten zu beziehen, die wirklich für uns und andere wichtig sind. Das heißt hier Geben und Nehmen und es legt den Grundstein für eine wahre innere Ökonomie: ein achtsames Haushalten mit den Dingen, die uns beschäftigen oder denen wir uns widmen wollen. (...)

BA: Tong-Len ist ja vor allem bekannt dafür, dass man es für Andere üben kann. Welche Anwendungsmöglichkeiten siehst Du da?
Yesche: Man kann es in vielen Situationen anwenden. Ähnlich wie mit Metta-Meditationen kann man es auf uns nahe stehende Menschen, auf neutrale und fernere Andere, bis hin zu „Feinden“ beziehen. Man kann auch an Tiere aller Art denken,  sich mit dem ganzen Universum und allen Lebewesen verbunden sehen und sich so des großen Spiels des Gebens und Nehmens bewusst werden. (...)
Es ist eine Übung, um mit mehr Mitgefühl und einer größeren Achtsamkeit durch das Leben zu gehen. Ich bin sicher, dass auch der Buddha unter dem Bodhi-Baum so etwas wie Tong-Len geübt hat und das dies dann zu seinem Erwachen führte, denn seine ganzen Lehrreden sind ein einziger Ausfluss erleuchteten Gebens an die Welt. Zuerst hat er das Leiden in allen seinen Formen tief wahrgenommen und vielleicht einen großen Atemzug genommen. Dann hat Buddha 50 Jahre lang den ganzen Dharma als Gabe des Mitgefühls geschenkt wie in einem großen Ausatmen. Tong-Len-Meditation ist wie die Essenz der Vier Edlen Wahrheiten in jedem Atemzug.

Quelle: www.yesche.de